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Der Sir glänzt am Tag der Damen

März 12, 2014 by  

Cheltenham Festival 2014 - Day two © turfstock.comMichael Luxenburger – Tag zwei ist ja traditionell der Tag des Blutbads – also wettechnisch gesehen. Zwar kann der Autor immer durch den Sieger im Coral Cup ein völliges Desaster verhindern, aber trotzdem sollte man diesen Tag lieber in einem Museum oder in den Cotswolds verbringen, wo mittelalterliche Dörfer dazu einladen, draußen vor einem Pub die Biere zu verkosten. Zumal, wenn die Sonne so schön scheint, wie das am Mittwoch der Fall gewesen ist. Doch die Rennbahn im Prestbury Park zieht einen eben magisch an, und wenn man schon mal im Lande ist.

Der geneigte Leser hat sich sicher schon gedacht, dass Autor und Fotograf nicht noch einmal im Dark Barn zu Abend essen werden, denn es war ja zu befürchten, dass noch etwas von dem überfahrenen Dachs übrig ist, der dort gerne als Steak kredenzt wird, was der Fotograf ja am Montagabend leidvoll erfahren musste. Also speisten wir in Toby’s Carvery in Glouchester, wo einem der Buffet-Chef für 5.99 Pfund einen Teller mit Scheiben von frisch gebackenen Schinken, Truthahn und Roastbeef belegt, den man dann selber  mit wirklich leckerem, knackigem Gemüse und geölten Ofenkartoffeln oder anderen Kohlenhydrat-Bomben zur Gänze füllt, bis kein Quadratmillimeter mehr frei ist. Diesmal trauten wir uns auch an das Schmalzgebäck ran, das zwar wie frittiertes Styropor schmeckt, aber dank der Füllung, einem Mix aus Brot, Kräutern und Innereien, durchaus genießbar ist. Obendrauf legt man dann noch ein paar sehr knackige Schweineschwarten, so dass ein Teller kaum unter 1500 Kalorien durchgeht.

Das klingt jetzt hart, aber ist sehr bekömmlich, so dass dem English Breakfast am nächsten Morgen nichts im Weg steht. Da dann auf der Rennbahn sofort geprüft werden muss, ob das Guinness noch so gut schmeckt wie am Tag zuvor, kann sich jeder gut vorstellen, dass Autor und Fotograf mit jeweils etwa drei Kilo Aufgewicht aus der Woche Cheltenham hervorgehen.

Cheltenham Festival 2014 - Day two © turfstock.comRuby gewinnt und gewinnt und …
Aber jetzt zu den Rennen. Genau so und nicht anders reitet man einen 6/4-Favoriten. Genau so, wie Ruby Walsh im den Ladies Day einleitenden Neptune Investment Management Hurdle, der Steher-Prüfung für Novices, Faugheen (Willie Mullins, 6/4) geritten hat. Immer unter den ersten Drei, konnte sich der nun in sechs Starts ungeschlagene Germany-Sohn die Gegner wunderbar zurechtlegen, bevor er eingangs der Geraden Ernst machte. Auch ein Fehler am drittletzten Sprung konnte ihn nicht stoppen, zumal Walsh (Foto) die Ruhe bewahrte und ihm Zeit gab, wieder in den Rhythmus zu kommen. Den letzten Sprung nahmen die beiden schon mit acht Längen Vorsprung vor kämpfenden Konkurrenten, und daran änderte sich bis ins Ziel nichts mehr. Der lange führende Cole Harden verabschiedete sich in der Geraden ebenso wie der zweite Favorit Red Sherlock, nur Ballyalton (Will Kennedy/Ian Williams, 20/1) konnte sich aus der Spitzengruppe platzieren. Er hielt sicher den von hinten anrauschenden Rathvinden (Paul Townend/Willie Mullins, 11/2) für Platz zwei. Dessen Reiter meinte, dass sein Pferd mit dem schnellen Boden überhaupt nicht zurecht gekommen sei. Interessant am Rande: Ruby Walsh erzählte in der Pressekonferenz, dass ein Arbeitsreiter am Mullins-Stall ihm vor sechs Monaten schon gesagt habe, dass Faugheen der einzige Grund sei, warum er jeden Morgen in die Arbeit kommt. Der Trainer merkte an, dass der Neptun-Sieger im Gegensatz zu seinem Sieger im Supreme Hurdle, Vautour, eigentlich ein Chaser sei und man da einiges erwarten könne.

Einen dramatischen Zweikampf sahen die 60 000 Zuschauer in der RSA Chase, der Steher-Prüfung für die Novices. Nach dem letzten Sprung ging es hin und her zwischen dem zweiten Favoriten Smad Place (Robert Thornton/Alan King, 13/2) und O’Faiolains Boy (Barry Geraghty/Rebecca Curtis, 12/1), den letzterer für sich entschied, nachdem der Schimmel Smad Place schon einen leichten Vorteil 50 Meter vor der Linie gehabt hatte. Doch Geraghty ist eben Weltklasse, und Thornton zumindest im Finish nicht mehr. Dabei sah der spätere Sieger unterwegs nie besonders chancenreich aus, und sein Reiter hatte viel Arbeit, ihn einigermaßen gut im Rennen zu halten, da die Pace von Anfang an extrem hoch war. „Wenn Sie mich nach der Hälfte des Rennen gefragt hätten, wo ich später mit ihm lande, hätte ich gesagt, dass ich ihn am liebsten anhalten würde“, sagte Geraghty. Dritter wurde weit dahinter Morning Assembly (Davy Russell/P.A. Fahy, 9/1), der den Rest in Schach halten konnte. Den Berg runter hatte noch Ballycasey das Feld angeführt, und Corrin Wood und Sam Winner, die lange das Rennen bestimmt hatten, waren ebenfalls dann ohne Chance, als es auf den letzten 500 Metern zur Sache ging. Le Bec und Don Cossack, beide prominent im Wettmarkt, mussten hart zu Boden. Unser Tipp Carlingford Laugh, der dann auch Favorit geworden war, machte schon früh Fehler und hatte nichts mehr zuzusetzen, als es in die Entscheidung ging. Er landete auf Platz sechs. Die schwarze Serie von Championjockey A.P. McCoy setzte sich also fort. Er und Cheltenham – das ist keine glückliche Beziehung. Rebecca Curtis, die bildhübsche Trainerin des Siegers, die jederzeit als Double der jungen Kylie Minogue antreten könnte, strahlte dagegen mit der Sonne um die Wette. „Wir haben immer viel von ihm gehalten“, sagte sie über O’Faolains Boy. „Er ist mit dem guten Boden bestens zurecht gekommen. Überhaupt: Meine Pferde sind wieder bestens in Form gekommen. Das gibt mit Hoffnung für At Fisher’s Cross am Donnerstag. Jeder glaubt, er bräuchte tiefen Boden. Aber in Aintree ist er auf gutem Boden groß gelaufen und gesprungen. So gut wie jetzt hatten wir ihn noch nie.“

Der Favorit gewinnt nie den Coral Cup
Traditionell trifft der Autor im Coral Cup den Sieger, auch wenn 25 Pferde und mehr laufen. Diesmal war er eine Nase geschlagen. Im vorletzten Galoppsprung vor der Linie war unser Tipp Get Me Out Of Here (A.P. McCoy/Jonjo O’Neill, 12/1) noch vorne. Im Ziel war es dann Whisper (Nico De Boinville/Nicky Henderson, 14/1). Ersterer war immer vorne zu finden, wogegen der Championjockey sein Pferd in aller Ruhe in beste Position brachte und eingangs der Zielgerade händevoll hinter dem Führungssextett ging, aus dem sich bis auf den späteren Sieger einer nach dem anderen verabschiedete, als es zur Sache ging. Allerdings musste er sich dann im Finish dem Erlaubnisreiter von Nicky Henderson beugen, was ihn gewaltig geärgert hat. Er schaute danach noch grimmiger als sonst hier in Cheltenham, zumal er es erneut nicht geschafft hatte, seinem Arbeitgeber J.P. McManus, dem irischen Multimilliardär, einen Sieger zu bescheren. Wahrscheinlich macht dem Champ die Sorge um seinen vergangene Woche am Herzen operierten kleinen Sohn mehr zu schaffen als alle denken. Das wäre nur zu verständlich. Der mitfavorisierte Bayan (Davy Condon/Gordon Elliott, 11/1) holte sich Platz drei gegen Smashing (Andrew Llynch/Willie Mullins, 25/1), wogegen Indevan mit Ruby Walsh nie eine Rolle spielte. Damit landete der schon zehnjährige Get Me Out Of Here bereits zum vierten Mal in einem Festival-Rennen auf Rang zwei. „Wir dachten, heute würde alles für ihn passen. Der Boden, die Distanz, die Sonne. Er liebt diese Bahn und er liebt guten Boden. So oder so: Er ist ein großartiges Pferd.“

Cheltenham Festival 2014 - Day two © turfstock.comSire De Grugy kann’s doch
Alle hatten sie an ihm rumgemeckert. Auch der Autor. Er kann keinen Linkskurs, er braucht weichen Boden, und überhaupt. Doch Sire De Grugy (Foto, Jamie Moore/Gary Moore, 11/4) zeigte in der Queen Mother Champion Chase eindrucksvoll, dass er aktuell der beste Zwei-Meilen-Chaser ist. Während Arvika Ligeonniere, Special Tiara, Sizing Europe (der Zwölfjährige wurde immerhin noch Vierter) und Somersby (Dominic Elsworth/Mick Channon, 14/1) vorne ein Höllentempo einschlugen und der zweite Favorit Captain Conan überhaupt nicht mitkam und bald angehalten wurde, canterte der Moore-Schützling dahinter in aller Ruhe um den Kurs, wobei man auch seinem Steuermann ein großes Lob zollen muss. Er wusste immer, was er in der Hand hat, und behielt eisern die Ruhe. Sein Auftritt kam, als sich vorne außer Somersby einer nach dem anderen verabschiedete. Es war schon große Klasse, wie sich der siebenjährige My Risk-Sohn nach dem letzten Sprung scheinbar mühelos verabschiedete. Module (Paddy Brennan/Tom George, 20/1) lief nach dicht an Somersby heran, musste sich aber mit Platz drei zufrieden geben. Wer weiß, ob der Sieger nicht auch dem krankheitsbedingt fehlenden Sprinter Sacre Probleme bereitet hätte. Siegreiter Jamie Moore, Bruder des Starjockeys Ryan Moore (er war nach Cheltenham gekommen), feierte seinen ersten Sieg beim Festival. Er war natürlich überglücklich: „Es ist großartig. Man hat das Pferd die ganze Saison lang schlechtgeredet, aber heute hat er allen gezeigt, was für ein tolles Pferd er ist: auf einer Bahn, die er hasst, und auf einem Boden, den er nicht mag. Übrigens: Sogar Ryan hat gesagt, dass ich einen guten Ritt hingelegt habe.“ Er bedankte sich dann noch bei Ruby Walsh. „Ich sagte zu Ruby oben am Berg: Was soll ich jetzt machen, mein Pferd geht so gut!. Ruby antwortete: Folge einfach Special Tara.“ Schon erstaunlich, wie sich die Jockeys helfen, auch wenn es um den Sieg im wichtigsten Zwei-Meilen-Rennen der Saison geht.

Cheltenham Festival 2014 - Day two © turfstock.comBryan Cooper hat Glück im Unglück
Das Fred Winter Juvenile Handicap Hurdle wurde ebenfalls im Sprinter-Tempo gelaufen, und da konnten Stürze nicht ausbleiben. Übel sah der von Clarcam und Bryan Cooper aus, der mit in Führung liegend zu Boden musste, wonach das ganze Feld über Pferd und Reiter drüber galoppierte. Man konnte von Glück sagen, dass da nicht mehr passiert ist. Der junge irische Jockey wurde aber mit dem Rettungswagen ins Krankenhaus gefahren, er erlitt einen Schien- und Wadenbeinbruch. Für den Mitfavoriten Goodwood Mirage, der über das stürzende Pferd fiel, war aber das Rennen ebenfalls vorbei, wobei wieder Tony McCoy der Pechvogel war. So konnte sich am Ende nach heißem Kampf der Riesenaußenseiter Hawk High (Brian Hughes/Tim Easterby, 33/1) gegen Katgary (Daryl Jakob/Paul Nicholls, 8/1) durchsetzen, dahinter landeten Orgilo Bay (M.J. Bolger/John McConnell, 16/1) und Keltus (Nick Scholfield/Paul Nicholls, 25/1) auf den Plätzen. Der Champion Bumper schließlich ging an Silver Concorde (Foto: Robbie McNamara/Dermot Weld, 14/1), wobei dem Dansili-Sohn sicher der gute Boden entgegenkam.

Wie schon einleitend erwähnt, reden wir heute lieber nicht über das Wetten. Auch die MoMo-Schiebe des Fotografen, Module auf Modus, füllte lediglich die Kasse des Buchmachers. Auf ein Neues, kann man da nur sagen. Morgen probiert es der Autor mit folgenden Pferden: Oscar Whisky (6/1) in der JLT Novices Chase, Josies Orders (12/1) im Pertemps Final, Menorah (10/1) in der Ryanair Chase, Zarkandar (12/1) im World Hurdle, Nadyia De La Vega (20/1) in der Byrne Group Plate und Problema Tic (20/1) in der Kim Muir Chase. Sieht wieder nach einem Blutbad aus.

Und das tippt der Fotograf: Felix Yonger JLT Novices Chase, Rajdhani Express in der Ryanair Chase, Zarkandar im World Hurdle und Roberto Goldback in der Kim Muir Chase.

© Fotos: turfstock.com, München

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