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Der Gold Cup ist Familiensache

März 13, 2015 by  

13.03.2015 - Cheltenham; Winners presentation with Nico de Boinville after winning the Betfred Cheltenham Gold Cup Chase Grade 1 with Coneygree. Credit: Lajos-Eric Balogh/turfstock.comMichael Luxenburger – Die Welt ist schlecht. Zweimal wurde der Autor Opfer von bösen Dieben. Gut, er hatte seine wundervolle Alpacca-Wollmütze, die ihm seine liebe Freundin Candy geschenkt und die ihn erkältungslos über den Winter gebracht hatte, in Toby’s Carvery liegen gelassen. Verständlicherweise hat sie einem Gast gut gefallen. Aber dann würde der Autor einen Zettel hineinlegen („Wow, was für eine tolle Mütze, pass besser auf sie auf, du Trottel!“) und sie an der Theke abgeben. Aber gut. Glouchester ist eine arme, heruntergekommene Stadt mit hoher Arbeitslosenquote.

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13.03.2015 – ; Impressions: Turfstock.com picture in the racingpost. Credit: Lajos-Eric Balogh/turfstock.com

Tags darauf klaute ihm ein so genannter Kollege im Media Center des Cheltenham Racecourse seine Racing Post. Möglicherweise war es sein neuer Nachbar, der den ganzen Vormittag schwer keuchend versuchte, durch die Lektüre dieses Fachblatts Sieger zu finden. Wir wissen aus eigener Erfahrung, wie schwer das ist. Und dass man da manchmal besser einfach Geburtsdaten spielt, wie sich am Donnerstag gezeigt hat. Der Autor saß also abends da und leckte seine Wunden, während der Fotograf immerhin über den Tag die grandiose Summe von fünf Pfund gewonnen hatte. Dank des braven Zarkandar – ihr wisst ja mittlerweile, was es mit diesem Pferd auf sich hat. Der Fotograf war sowieso bestens gelaunt, da ihm die heilige Racing Post, die täglich erscheinende Rennsport-Bibel, ein Foto abgekauft und in der Gold Cup-Ausgabe gedruckt hatte. Aber der Autor erinnerte sich wieder an der lebensklugen Steffis Worte: „Ich denke nicht, dass du es schlecht hast.“ Stimmt. Und schließlich gab es ja noch den Freitag.
Der Abend in Toby’s Carvery brachte eine interessante Begegnung. Denn der Junkie-Koch wies sich gemäß seinem Namensschild als Andreas aus. Ein Andreas in Glouchester? Da musste eine Geschichte dahinter stecken. Zwischen Truthahn, Gammon und diversem Gemüse entsponn sich eine angeregte Unterhaltung, teilweise sogar auf Deutsch. Andreas war glücklich, dass ihn jemand auf seinen deutschen Vornamen angesprochen hatte, und ein warmes Lächeln legte sich über sein ansonsten immer geschmerztes Gesicht. Sein deutscher Großvater war bei der Waffen-SS gewesen, hatte aber als Doppelagent gearbeitet und für die Briten spioniert. Er erzählte uns die halbe Familiengeschichte. Wir hatten aber großen Hunger. Nur mit Mühe konnten wir weiter zum Gemüse schreiten, und Andreas schaute uns dabei mit entrücktem Blick nach. Klar, jahrelang war er wegen seines deutschen Namens gehänselt, wenn nicht verprügelt worden. Und jetzt, endlich . . .
Der Freitag begrüßte uns mit strömendem Regen und Affenkälte. Also klassisches National Hunt-Wetter. Der Autor entschied sich für seine Hong Kong-Jacke, die ihm der örtliche Jockey Club im Dezember geschenkt hatte. Dummerweise sind chinesische Jacken nicht wirklich für englisches Wetter geeignet. Aber eigentlich für kein Wetter. Wenn es warm ist, wird man in dieser Polyester-Ummantelung sofort klatschnass, und wenn es regnet, dann halt von außen. Aber schick ist sie. Der nette Typ am Eingang zur Members Enclosure, der aufpasst, dass nur Leute mit der richtigen Eintrittskarte hineinkommen, war noch deutlich schlechter dran. Die dürfen keine Mütze tragen, Schirm geht gar nicht. Nichtmal die kalten Hände dürfen sie in die Jackentasche stecken.

13.03.2015 - Cheltenham; Peace And Co  ridden by Barry Geraghty (green cap) wins the JCB Triumph Hurdle Grade 1. Second place: Top Notch ridden by Daryl Jacob. Credit: Lajos-Eric Balogh/turfstock.com

13.03.2015 – Cheltenham; Peace And Co ridden by Barry Geraghty (green cap) wins the JCB Triumph Hurdle Grade 1. Second place: Top Notch ridden by Daryl Jacob. Credit: Lajos-Eric Balogh/turfstock.com

Im Centaur, der großen Wetthalle, die schon um 12 Uhr gut mit gut abgefüllten Menschen gefüllt war, die sich grundsätzlich nicht unterhalten, sondern eher überschreien, gaben Fotograf und Autor ihre Wetten ab. Da es der letzte Tag und noch ordentlich Geld aus dem Wettbudget da war, warfen sie dem Buchmacher Ladbrokes ein paar halsbrecherische Sieg/Platz-Schiebewetten in den Rachen, die im Erfolgsfall genügend für eine hübsche Wohnung in Süditalien bringen würden. Das Schöne ist ja, dass man dann einige Zeit davon träumen kann – bis die Realität des Zieleinlaufs eine andere Geschichte erzählt. So auch heute. Aber das gehört einfach dazu.
Im ersten Rennen, dem Triumph-Hurdle für die Vierjährigen, blieben Autor und Fotograf der Wettkasse fern. Zu klar war die Favoritenstellung des bisher ungeschlagenen Peace And Co (Barry Geraghty/Nicky Henderson, 2/1). Der in Italien gezogene Falco-Sohn musste aber hart kämpfen, um den Stallgefährten Top Notch (Daryll Jakob/Nicky Henderson, 7/1) in die Schranken zu weisen. Hargam (AP McCoy/Nicky Henderson, 8/1) komplettierte dahinter den totalen Triumph des Trainers aus Seven Barrows in Lambourn/Berhkshire, der damit seinen 53. Sieger beim Festival feierte. „Das sind drei außergewöhnlich gute Vierjährige“, sagte Henderson nach dem Rennen. Für Hargam war der Boden nicht mehr passend, dafür für Top Notch. Peace And Co – ich denke mal, er geht auf jedem Boden.“ Henderson war verständlicherweise blendend gelaunt: „Es ist schon großartig, wenn es so gegen das letzte Hindernis geht, und du musst nicht denken ,oh bitte`, denn einer von den Dreien wird schon ankommen.“ Jockey Barry Geraghty hatte unterwegs immer ein gutes Gefühl: „Das Tempo, das Ruby Walsh mit Dicosimo vorlgte, war hoch genug, so dass ich auf den Speed meines Pferdes vertrauen konnte. Und den hat er, diesen Kick.“

13.03.2015 - Cheltenham; Wicklow Brave ridden by Paul Townend wins the Vincent O´Brien County Handicap Hurdle Grade 3. Credit: Lajos-Eric Balogh/turfstock.com

13.03.2015 – Cheltenham; Wicklow Brave ridden by Paul Townend wins the Vincent O´Brien County Handicap Hurdle Grade 3. Credit: Lajos-Eric Balogh/turfstock.com

Zwei Mal hatte Wicklow Brave (der Tipp des Fotografen, der er aber leider nicht wettete) zuletzt den Start verpennt – in Newbury und in Sandown. Das hatten ihm die Wetter wohl übel genommen, denn der Schützling von Willie Mullins startete als 25/1-Außenseiter. Paul Townend, der damit seinen dritten Meetingssieger feierte und des Autors Wette auf ihn bei 360/10 als Meetingsjockey am Leben hielt, hatte nur am letzten Sprung einen kritischen Moment zu überstehen, als sein Pferd zu spät absprang. Davor war er auffällig gut unterwegs gewesen, und dann löste er sich noch um acht Längen von kämpfenden Gegnern. Des Autors Mumm Sort It Out (Niall Madden/Eddie Harty, 17/2) setzte sich um Platz zwei gegen Quick Jack (Shane Shortall/Tony Martin, 8/1) und Max Dynamite (Ruby Walsh/Willie Mullins, 14/1) durch. Letzterer war durch ein stürzendes Pferd behindert worden, sonst wäre er eventuell noch weiter vorne gelandet. Da die Bellissima diesmal keine Pferde durchgefunkt hatte, spannte der Autor eben die Steffi ein, die auch prompt im 26-Pferde-Feld den Viertplatzierten als Tipp durchmeldete. Im sechsten Rennen (24 Starter) traf sie auch noch den Zweiten. „Eigentlich wollte ich ihn ja aus der Reserve reiten“, sagte Townend nach dem Rennen über sein Pferd. „Aber ich konnte es schon am zweitletzten Sprung nicht glauben, wie gut Wicklow Brave ging. Am letzten Hindernis hat er herumgeschaut, deshalb der Fehler.“

13.03.2015 - Cheltenham; Martello Tower ridden by Adrian Heskin wins the Albert Bartlett Novices Hurdle (Registered As The Spa Novices Hurdle Race) Grade 1. Credit: Lajos-Eric Balogh/turfstock.com

13.03.2015 – Cheltenham; Martello Tower ridden by Adrian Heskin wins the Albert Bartlett Novices Hurdle (Registered As The Spa Novices Hurdle Race) Grade 1. Credit: Lajos-Eric Balogh/turfstock.com

Das Albert Bartlett Novice Hurdle, das Steherrennen für die Neulinge, brachte einen heißen Kampf dreier Pferde, in den aber der Favorit Black Hercules nicht involviert war. Der Mullins-Schützling war nie im Rennen und landete auf Platz sieben, da Jockey Ruby Walsh früh einsah, dass da heute nichts geht, und den mächtigen Dunkelbraunen nicht übermäßig forderte. In ihm sieht sein Trainer Willie Mullins sowieso einen Chaser. Den Sieg holte sich in einem packenden Finale der immer wieder anziehende Martello Tower (Adrian Heskin/Margaret Mullins, 14/1) gegen Milsean (Daniel Mullins/Willie Mullins, 33/1) und No More Heroes (Bryan Cooper/Gordon Elliott, 6/1). Es war auf den letzten 100 Metern ziemlich eng geworden, da Daniel Mullins sein Pferd nicht wirklich gerade halten konnte und in die Spur von No More Heroes geriet. Doch die Rennleitung beließ es nach einer Untersuchung beim Einlauf. Der Siegreiter, Adrian Heskin, hatte seinen letzten Sieger beim Festival 2010 gefeiert, als der die Cross Country Chase gewann. Damals war er 17 Jahre alt, es war sein erster Ritt in Cheltenham. „Martello Tower ist wirklich ein hartes Pferd“, sagte Heskin. „Wenn er vom Gebiss geht, dann geht’s erst richtig los. Er findet immer wieder was.“

13.03.2015 - Cheltenham; Winners presentation with Nico de Boinville after winning the Betfred Cheltenham Gold Cup Chase Grade 1 with Coneygree. Credit: Lajos-Eric Balogh/turfstock.com

13.03.2015 – Cheltenham; Winners presentation with Nico de Boinville after winning the Betfred Cheltenham Gold Cup Chase Grade 1 with Coneygree. Credit: Lajos-Eric Balogh/turfstock.com

Genau dieses Attribut trifft auch auf Coneygree (7/1) zu. Und diese Qualität brauchte er auch, um das Hauptrennen des Meetings, den Cheltenham Gold Cup, zu gewinnen. Start – Ziel setzte sich der Novice in diesem mit 550 000 Pfund dotierten Rennen durch, sprang hervorragend, und profitierte auch von einem Glanzritt seines jungen Piloten Nico De Boinville. Er hatte für Coneygree’s Trainer Mark Bradstock schon mal einen ähnlichen Ritt gezeigt, als der den alten Kämpen Carruthers förmlich über die Bahn trug. Nico teilte sich das Rennen großartig ein, drückte erst nach dem drittletzten Hindernis richtig auf die Tube. Da der glänzend springende Coneygree unterwegs nicht einen Fehler gemacht hatte, besaß er auch genügend Reserven, um die Angriffe von Djakadam (Willie Mullins, 10/1), den Ruby Walsh aus der Reserve ritt und vor dem vorletzten Sprung nach vorne schob, noch sicher abzuwehren. Road To Riches (Bryan Cooper/Noel Meade, 8/1) war immer ganz in der Nähe des Siegers, besaß aber nicht dessen Reserven. Gut lief dahinter Holywell, wogegen der Favorit Silviniaco Conti schon kurz nach dem Bogen Notsignale sendete und nur siebter hinter dem Hennessy-Sieger Many Clouds wurde. Der hatte nicht unerwartet sein hartes Programm gespürt. Ebenso keine Überraschung war, dass der Ritt von AP McCoy, Carlingford Lough, unterwegs zu viele Fehler machte. Er hatte ja schon im Gold Cup des Vorjahres gezeigt, dass die Bahn in Cheltenham mit ihrem Auf und Ab nicht sein Ding ist. Der Vorjahressieger Lord Windermere war früh abgehängt und wurde ebenso wie der Sieger von 2013, Bob’s Worth, angehalten.
„Es ist einfach wundervoll“, kommentierte Trainer Mark Bradstock, der sein eher kleines Quartier, ein reines Familienunternehmen, in Wantage hat. „Solche Pferde hast du nur einmal im Leben“, ergänzte Siegreiter Nico De Boinville. Es ist einfach unglaublich. Ich muss der ganzen Familie Bradstock danken, dass sie ihr Vertrauen in mich gesetzt haben. Coneygree ist ein so kluges Pferd. Auch wenn er zu nahe an den Sprung kommt, nimmt er ihn trotzdem brillant.“ Dabei hatte der Trainer noch überlegt, wegen des Regens über Nacht sein Pferd abzumelden. „Ich bin mit dem Clerc of the Course, Simon Claisse, am Morgen den Kurs abgegangen. Und habe dann entschieden, dass wir starten.“ Eine weise Entscheidung, wie sich herausstellte. Willie Mullins war von Djakadam begeistert. „Das war ein umwerfend gutes Laufen für einen Sechsjährigen. Und mein Applaus für die Connections des Siegers. Das war eine mutige Entscheidung, einen Novice in diesem Gold Cup laufen zu lassen.“ Mullins kündigte an, dass der Punchestown Gold Cup das nächste Ziel für Djakadam ist. Dort wird laut seinem Trainer Noel Meade auch der Drittplatzierte antreten. „Ich bin sehr stolz aur Road To Riches“, sagte er. Er ist großartig gesprungen, hat alles richtig gemacht. Ich dachte vor dem letzten Sprung, er könnte gewinnen, doch dann ist er etwas müde geworden.“
Der Sieg von Coneygree war das Märchen, das Wahrheit wurde. Das zweite ging nicht in Erfüllung.

Alle hätten AP McCoy in seinem letzten Rennen, der nach im benannten AP McCoy Grand Annual Chase, einen Sieg gegönnt, doch sein Pferd Ned Buntline kam auf den letzten 100 Metern nicht mehr mit und wurde Vierter. Der Sieger, Next Sensation (Tom Scudamore/Michael Scudamore (16/1), legte vorne eine tadellose Springleistung hin und konnte auch den Schlussangriff von Eastlake (Paul Carberry/Jonjo O’Neill, 12/1) abwehren. Als der Champ in den Führring zurückritt, bebte der Prestbury Park. Das war der Abschied vom vielleicht besten Jumpjockey aller Zeiten.

13.03.2015 - Cheltenham; Impressions: View at the screen: We'll miss you AP. Credit: Lajos-Eric Balogh/turfstock.com

13.03.2015 – Cheltenham; Impressions: View at the screen: We’ll miss you AP. Credit: Lajos-Eric Balogh/turfstock.com

Das war es also, der Vorhang ist zu im Theater der Träume. Die Hauptakteure waren bei den Trainern Willie Mullins (acht Siege) und Ruby Walsh mit vier Erfolgen. Damit holte sich der irische Champion den Rekord von Nicky Henderson, der bisher mit sieben Meetingserfolgen der erfolgreichste Trainer gewesen war. „Wir hatten einen fantastischen Frühling, keines unserer Pferde war krank. Wir schafften eine großartige Vorbereitungsphase auf das Festival.“ Zufrieden waren nach dem Blutbad am ersten Tag auch die Buchmacher. Denn alles hatte wie verrückt Silviniaco Conti gewettet. Wenn der gewonnen hätte, wäre alleine bei Betfred eine Auszahlung von drei Millionen Pfund fällig gewesen. Und der Sturz von Annie Power bewahrte die Bookies vor einem Verlust von etwa 100 Millionen Pfund, da halb England und ganz Irland Vierer-Schieben auf die Mullins-Starter am Dienstag getätigt hatte. So waren nur die ersten drei Sieger drin gewesen. Trotz Eintrittspreisen zwischen umgerechnet 54 bis 135 Euro notierte man einen neuen Zuschauerrekord: 248 521 Rennsport-Fans sahen die 27 Rennen an den vier Tagen. Der Umbau der Bahn, die einfach jetzt mehr Platz im Zuschauerbereich bietet, kam gut an. Auch wenn man anmerken muss, dass das Guinness Village durch die angrenzende neue Arkle Tribüne an Charme verloren hat. Aber das dunkle Gold schmeckt nach wie vor hervorragend. Und damit haben Autor und Fotograf auch die eine oder andere Enttäuschung beim Wetten erfolgreich runtergespült. Servus, Cheltenham, bis zum nächsten März.

© Fotos: turfstock.com, München

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