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Auf den Spuren Shakespeares

März 14, 2017 by  

Michael Luxenburger – Kaum ist man ein Jahr nicht da, ist schon alles anders. Neues Hotel, neues schickes Mediacenter, die Rennbahn im Prestbury Park kaum wieder zu erkennen. Unverändert sind aber die unvergleichlichen Momente, die uns Jahr für Jahr der Fotograf beschert. Glücklicherweise, sonst hätte der Autor ja nichts zu schreiben. Der Tag vor dem Champions Hurdle Day beim Cheltenham Festival bot da wieder einigen Stoff.

flug_londonNach einem absolut ereignisarmen Flug von München nach London Heathrow – nur die British Airways bieten da dank des Caterers Urban Eat unvergessliche Erlebnisse, wie Stammleser dieser Kolumne wissen – erwartete uns an der English Border ein Menschenauflauf, den man sonst nur sieht, wenn am REWE Familientag kostenlos Colalutscher verteilt werden. Während sich der Autor brav in die Reihe stellte, beschloss der Fotograf, seines kürzlich erworbene Lufthansa-Kreditkarte einzusetzen, und wollte durch den Eingang für die Flugzeug-Crews huschen. Klar. Wo Lufthansa drauf steht, ist auch Lufthansa drin. Nun sieht er, vor allem wegen seiner derzeit eher asymmetrische wuchernden Gesichtsbehaarung, weder wie ein Flugkapitän noch wie eine Stewardess aus, weshalb flugs ein Bediensteter des Airports herbei eilte und ihm den Zugang verweigerte. Auch das Vorzeigen besagter Kranich-Karte nützte nichts. So musste sich der Fotograf beim normalen Volk anstellen, was eine halbe Ewigkeit dauerte. Es passiert nicht oft, dass man erst zum Gepäckband kommt, wenn die Koffer nach diversen Ehrenrunden bereits auf dem Boden nebendran auf das Herrchen warten.
Die Fahrt zum Mary Arden Inn, vom Fotografen in bewährter Art souverän getätigt, da er ja nie in Deutschland fährt und deshalb sozusagen im Linksverkehr zuhause ist, führte uns dank des schon fast historisch zu nennenden Navis des Kollegen zuerst in einen betagten Gewerbepark, dessen etwa zwei Meter breite Zufahrtsstraße, gesäumt von Märzenbechern, einen ganz besonderen Charme hatte. Dass dieser Gewerbepark nicht wirklich floriert, liegt sicher daran, dass da kein Lieferwagen hinkommt, ohne erwähnte Märzenbecher umzumähen. Von dort aus geleitete uns das Navi, dessen weibliche Stimme mittlerweile arg resiginiert klingt, ohne weitere Umwege ans Ziel. Unser Hotel entpuppte sich als rurales Kleinod aus dem 17. Jahrhundert, in dem William Shakespeare, der große Sohn der Stadt Stratford On Avon, allgegenwärtig ist. Glücklicherweise hatte ich nicht das to be or not to be Zimmer bekommen, denn solche existenzielle Fragen wälzt man lieber nicht, wenn man vorhat, vier Tage lang Pferderennen anzusehen und auf sie zu wetten.
Der Fotograf schaffte es sodann in kürzester Zeit, das Türschloss seines Zimmers zu zerstören. Sofort kam ein Schlosser herbei, der das Schloss flugs auswechselte. Später sollte sich herausstellen, dass der Schlosser auch der Koch und der Gärtner des Hauses war. Dieses Multitalent schaffte es dann tatsächlich, ein ordentliches Dinner zu kreieren. Die Meerbrasse auf Spinat, für die sich der Autor entschieden hatte, hätte vielleicht ein wenig weniger zerfleddert sein können, und dem Hunter Chicken des Fotografen hatte man durch Verzicht auf Salz und Gewürze den natürlichen Geschmack gelassen, was ihm nicht wirklich zum Vorteil geriet. Doch verglichen mit früheren Erfahrungen in Sachen Abendessen in England (der überfahrene Dachs im Dark Barn zum Beispiel) war das schon sehr ordentlich.
Nach einem üppigen English Breakfast am nächsten Morgen (warum kochen die Engländer die Champignons eigentlich?) staunten wir erst mal, wie schick der Cheltenham Racecourse mittlerweile ist. Die früher eher windige Zeltkonstruktion Guinness Village hat zumindest an Standfestigkeit gewonnen, was man nicht zur Gänze von ihren Besuchern sagen konnte, je mehr es gegen Abend zuging. Auch die hospitality area ist aus dem Improvisations-Modus heraus. Natürlich kann man sagen, dass damit einiges an Charme verloren gegangen ist. Allerdings nicht komplett, wie das in Ascot der Fall ist, wo man ja aus der Tribüne eine futuristische Bahnhofshalle gemacht hat.
Aber jetzt zum Spocht.

14.03.2017 - Cheltenham; Labaik ridden by Jack Kennedy wins the Sky Bet Supreme Novices Hurdle Grade 1 at Cheltenham-Cheltenham-Racecourse/Great Britain. Credit: Lajos-Eric Balogh/turfstock.com

14.03.2017 – Cheltenham; Labaik ridden by Jack Kennedy wins the Sky Bet Supreme Novices Hurdle Grade 1 at Cheltenham-Racecourse/Great Britain. Credit: Lajos-Eric Balogh/turfstock.com

Laut war der allgemeine Gesang, dass der klare Vorausfavorit Melon (Ruby Walsh/Willie Mullins, 3/1) das Sky Bet Supreme Novices Hurdle, das traditionelle Eröffnungsrennen des Cheltenham Festivals, nicht gewinnen würde. Das gelang ihm dann auch tatsächlich nicht, doch schlug ihn nicht etwa einer der Hauptverdächtigen wie Ballyandy, Bunk Off Early oder River Wylde (Nico De Boinville/Nicky Henderson, 8/1). Nein, der komplett unterschätzte Schimmel Labaik (Jack Kennedy/Gordon Elliott, 25/1) holte sich das Rennen in sehr gutem Stil. Cilaos Emery hatte lange die Pace gemacht, Ballyandy musste im Bogen weite Wege gehen, Melon war immer unter den ersten Vier zu sehen. Doch gegen den Angriff des hübschen Montmatre-Sohns hatte er nichts mehr im Köcher. Viermal hatte sich Labaik in den vergangenen 12 Monaten geweigert, das Rennen aufzunehmen, und war am Start stehen geblieben. Diesmal sprang er brav mit ab. River Wylde, der Eingangs der Geraden wie der Sieger aussah, sicherte sich dahinter Rang drei gegen den am Ende sehr müde wirkenden Favorit Ballyandy. Der 17-jährige Jack Kennedy, kommender Star im National Hunt, gab ihm einen erstklassigen Ritt, wie Trainer Elliott nachher sagte. Über sein Pferd meinte er: „Wir haben nie ein Geheimnis darüber gemacht, wie gut dieses Pferd ist. Kein anderer Galopper in unserem Stall kann ihm im Training das Wasser reichen. Er ist eine Maschine von einem Pferd.“

14.03.2017 – Cheltenham; Winners presentation with Nico de Boinville after winning the Racing Post Arkle Challenge Trophy Chase Grade 1 with Altior at Cheltenham-Racecourse/Great Britain. Credit: Lajos-Eric Balogh/turfstock.com

Er ging noch gut, vor dem vorletzten Sprung in der Racing Post Arkle Challenge Trophy in Führung liegend, der Außenseiter Charbel. Doch ob er den großen Favoriten Altior (Nico de Boinville/Nicky Henderson, 1/4) geschlagen hätte, wenn er nicht gefallen wäre? Letzter ging leicht und locker dahinter in zweiter Position und ließ sich auch nicht von Cloudy Dream (Brian Hughes/Malcolm Jefferson, 12/1) und Ordinary  World (Davy Russell/Henry De Bromhead, 25/1) bei seinem überlegenen sechs-Längen-Erfolg in Gefahr bringen, die hinter ihm die Plätze zwei und drei belegten. Altior sprang durchwegs ausgezeichnet und machte immer den Eindruck, als könnte er noch problemlos zulegen, wenn ihn ein Gegner richtig gefordert hätte. So hatte der erste der drei großen Favoriten des Meetings geliefert, und die Hunderttausenden der heuer angesagten Siegschieben AltiorUnowhatimeanharryDouvan waren noch intakt. „Das war das Rennen, das wir gewinnen mussten“, sagte ein sichtlich erleichterter Nicky Henderson nach dem Rennen. „Wenn du am ersten Tag einen Sieger hast, das nimmt dir so viel Druck weg“, fügte er an. Henderson schwärmte von Altior: „Er ist so ein sympathisches, hochtalentiertes Pferd, von dem wir hoffentlich noch viel mehr sehen werden.“ Hendersons Stalljockey Nico de Boinville, der Altior wegen eines Armbruchs bei seinen ersten drei Siegen nicht reiten konnte, war überglücklich: „Man versucht natürlich so cool wie möglich zu bleiben, aber ich war mir der Verantwortung schon bewusst, der Erwartung an dieses wundervolle Pferd gerecht zu werden. Ich habe eine Weile gebraucht, um Altior in Schwung zu bekommen, doch wenn das geschehen ist, dann ist er kaum mehr zu stoppen.“

Im vergangenen Jahr hatte Un Temps Pour Tout (Tom Scudamore/David Pipe, 9/1) dieses Rennen völlig überlegen gewonnen. Allerdings hatte er in der diesjährigen Auflage der Ultimative Handicap Steeple Chase sieben Pfund mehr zu schleppen. Das hinderte das schon im Bogen auffallend gut gehende Höchstgewicht aber nicht daran, nach Kampf den Favoriten Singlefarmpayment (Arthur Hessin/Tom George, 5/1) mit kurzem Kopf in die Schranken zu weisen. Bis zum letzten Hindernis hatte der Riesenaußenseiter Vintage Clouds, die Wette des Autors bei 40/1 am Toto, noch alle Chancen gehabt, doch beendete ein Sturz alle Hoffnungen. Das Rennen wurde dann zu einem heißen Duell den Berg hinauf zum Ziel, das der Pipe-Schützling mit großer Courage für sich entschied. Noble Endeavour (Davy Russell/Gordon Elliott, 15/2) landete 3 1/2 Längen dahinter auf dem dritten Platz. „Im Frühjahr ist er einfach ein anderes Pferd“, sagte Siegreiter Tom Scudamore über sein Pferd. „Er ist ein so harter Hund und springt einfach brilliant.“

14.03.2017 – Cheltenham; Buveur D’Air ridden by Noel Fehily (green-white cap) wins the Stan James Champion Hurdle Challenge Trophy Grade 1 at Cheltenham-Racecourse/Great Britain. Second place: My Tent Or Yours ridden by Aidan Coleman (red cap). Third place: Petit Mouchoir ridden by Bryan Cooper (marron cap). Credit: Lajos-Eric Balogh/turfstock.com

Jeder der über 60 000 Zuschauer auf der Bahn im Prestbury Park hätte es The New One gegönnt, beim vierten Versuch im Champions Hurdle endlich zu gewinnen. Doch ein paar Fehler unterwegs kosteten zu viel Kraft, so dass der King’s Theatre-Sohn bald nichts mehr zuzulegen hatte und schon vor dem drittletzten Sprung geschlagen war. Er wurde schließlich Fünfter, noch vor dem enttäuschenden 2/1-Favorit Yanworth. Henderson hatte Besitzer AP McManus davon überzeugt, dass es besser wäre, mit Buveur D’Air vom Chasing wieder zurück auf die Hürdenbahn zu gehen. So ging auch das zweite Hauptrennen des Tages an einen Schützling von Nicky Henderson. Dem starken Finish von Buveur D’Air (Noel Fehily, 5/1) hatte keiner etwas entgegenzusetzen, und so holte er sich ganz leicht die rund 190 000 Euro Preisgeld für den Sieger. Der alte Kämpe My Tent Or Yours (Aidan Coleman, 16/1) machte den Triumph für Henderson komplett. Er hatte gegen Petit Mouchoir (Brian Cooper/Henry De Bromhead, 6/1) dank einer bravourösen Leistung das bessere Ende um Platz zwei für sich. Besitzer JP McManus feierte somit ebenso einen doppelten Erfolg. Besonders stolz war der Trainer auf den Zweitplatzierten My Tent Or Yours. „In drei Champion Hurdles war er jetzt Zweiter. Und einmal im Supreme Novices. Er war sensationell.“

14.03.2017 – Cheltenham; Apples Jade ridden by Bryan Cooper (center, marron silks) wins the OLBG Mares Hurdle (Registered As The David Nicholson Mares Hurdle) Grade 1 at Cheltenham-Racecourse/Great Britain. Second place: Vroum Vroum Mag ridden by Paul Townend (left, pink silks). Third place: Limini ridden by Ruby Walsh (right, green cap). Credit: Lajos-Eric Balogh/turfstock.com

Dass der mehrfache Cheltenham-Champion Ruby Walsh keinen Sieger am ersten Tag reiten würde, darauf hatte der Buchmacher Racebets spekuliert und Neukunden 33/1 dagegen angeboten. Und der Bookie sollte recht behalten. Denn als die brilliant springende Stute Apple’s Jade (Brian Cooper/Gordon Elliott, 7/2) nach einem Rennen von der Spitze den Angriff der Favoritin Limini (Ruby Walsh/Willie Mullins, 6/4) und ihrer Stallgefährtin Vroum Vroum Mag (Paul Townend, 11/4) locker kontern konnte, war Walsh’s letzte Siegchance dahin. Es war ein tolles Bild, wie die Stute in den bordeauxroten Giggingstown-Farben von den beiden rosa Ricci-Trikots mit den hellblauen Punkten in die Mitte genommen wurde und die drei als Sandwich den Berg hinauf kämpften. Und der Autor hatte endlich eine Siegwette nach Hause gebracht.
Dass ein Sieger des Triumph Hurdle drei Jahre später ein Steherrennen über die festen Sprünge gewinnt, kommt beim Festival auch nicht alle Tage vor. Tiger Roll (Mrs. Laura O’Neill/Gordon Elliott, 16/1) schaffte genau dieses Kunststück im JT McNamara National Hunt Challenge Cup. In einem Rennen, in dem Mitfavorit Champers On Ice früh keinen Meter ging und Favorit Edwolf in der Zielgeraden hinten links böse niederbrach, musste sich der Authorized-Sohn am Ende nur noch mit zwei Riesenaußenseitern, Missed Approach (Mr. Neill McPharlan/Warren Greatrex, 50/1 und Haymount (Mr. P.W. Mullins/Willie Mullins, 33/1) auseinandersetzen. Das bescherte dem irischen Trainer Elliott den bereits dritten Tagessieg.
Immer wieder sind es die Platzierten aus den Hürdenrennen beim Festival der vergangenen zwei Jahre, die dann später in den Chases auf diesem Kurs die Nase vorne haben. Tully East (Denis O’Reagan/Alan Fleming, 8/1) war alleine so betrachtet also dem Favoritenkreis zuzuordnen und entschied eine Kampfpartie in der abschließenden Close Brothers Handicap Steeple Chase gegen Gold Present (Jeremiah McGrath/Nicky Henderson, 14/1) und Two Taffs (Davy Russell/Dan Skelton, 7/1) für sich.
Das war er also, der erste Tag des Festivals 2017. Für den Autor nicht wirklich ein Erfolgstag, denn lediglich eine schöne Wette auf Apple’s Jade und die Platzquote von Two Taffs füllte seine Kasse. Da es aber schon ganz andere erste Tage für ihn hier in Cheltenham gab, kam er mit einem leicht blauen Auge davon. Und der Fotograf? Den ganzen Tag sang er Tiger Roll. Gewettet hat er ihn leider nicht.

© Fotos: turfstock.com, München

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