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Al Boum Photo krönt den Mullins-Tag

März 13, 2020 by  

Michael Luxenburger – Heute beim Full English Breakfast in ihrem schnuckeligen Orchard Cottage in Alderminster, unweit von Stratford Upon Avon, wo der große William Shakespeare seine Kreise gezogen hat, haben sich Autor und Fotograf noch einmal vergegenwärtigt, in welch beneidenswerter Lage sie doch sind: Mit dem Cheltenham Festival dürfen sie an der wahrscheinlich letzten Veranstaltung der Menschheitsgeschichte teilnehmen, bei der mehr als zehn Zuschauer erlaubt sind. Es waren 67 000, die am vierten Tag der Festspiele im Prestbury Park den Sieger im wichtigsten Rennen des Meetings, dem Magners Cheltenham Gold Cup, feierten. Vorjahressieger Al Boum Photo wiederholte seinen Vorjahressieg und krönte damit einen Tag, den sein Trainer Willie Mullins so schnell nicht vergessen wird. Denn er gewann die ersten vier Rennen und holte sich noch den Titel des erfolgreichsten Trainers.

In Sachen tägliches Speisen-Bulletin wäre zu erwähnen, dass Autor und Fotograf diesmal für das Frühstück Bio-Bratwürste aus Cumberland ausgewählt hatten, die mit einem formidablen Mix aus frischen Kräutern gepimpt waren. Im Vordergrund stand eine starke Salbei-Note, was nicht interessant (das sagt man ja, wenn etwas seltsam und eher nicht schmeckt, man das aber nicht sagen darf, weil es ja uncool oder unhöflich daher kommen könnte), sondern sehr gut war. Die Baked Beans (natürlich von Heinz) wohnen in einem schicken Plastikgefäß, und man schüttet sie einfach in den Topf. Der Autor hatte diesmal etwas viel davon erwischt, so dass der Teller so voll war, dass kein Spiegelei mehr drauf passte. Wenn er allerdings ehrlich ist, hatte er die Eier schlichtweg vergessen. Dabei hatte er beim Blick auf den gefüllten Teller irgendwie die vage Ahnung gehabt, dass da etwas fehlen würde. Doch auch dem Fotografen war nicht aufgefallen, dass wir ohne Eier in den Tag starten mussten. Olli Kahn hätte das nicht gefallen.

Leider musste die internationale Journaille auch heute wieder erfahren, dass es im großen Pressezelt manchmal regnet, auch wenn draußen die Sonne scheint. Für die Wassergüsse von oben sorgte erneut eine undichte Wasserleitung aus dem darüber liegenden VIP-Restaurant, wobei nicht genau geklärt ist, ob das nicht eher eine Abwasserleitung ist. Bereits weit vor dem ersten Rennen floss das Nass in Bächen aus der Dachverkleidung, wobei diesmal glücklicherweise das deutsche Eck in der Medienbude verschont blieb. Fünf große Regentonnen wurden kreisförmig in der kritischen Zone angeordnet, die dort arbeitenden Kollegen evakuiert. Argwöhnische Blicke nach oben ergaben allerdings, dass sich eventuell neues Ungemach in weiteren Bereichen der Schreib- und Fotografierfabrik anbahnen könnte.

Man muss aber mal die Verantwortlichen des Cheltenham Racecourse für ihre Gastfreundschaft der Journaille gegenüber loben. Die Arbeitsplätze sind großzügig dimensioniert, technisch gut ausgestattet, und es gibt alkoholfreie Getränke sowie warmes und kaltes Essen umsonst. Verglichen mit früher, als man zusammengepfercht in Eiseskälte in einem kleinen Verschlag am Eingang zum Guinness Village saß, ein Quantensprung.

Ansonsten war nichts passiert, was der Erwähnung wert ist. Sieht man von einer einstündigen Suchfahrt nach einem Geldautomaten ab, die in diesem Teil von England scheinbar nicht so häufig vorkommen. Nur die ATR Maschinen findet man des öfteren. Die kosten aber ordentlich Gebühren.

Aber nun ein letztes Mal zum Spocht.

Da saß er am Boden, den Kopf in den Händen vergraben, und schluchzte. Der vielfache Championjockey AP McCoy war sofort hinzu geeilt, er nahm ihn tröstend in den Arm. Jamie Moore, der junge Jockey, der für seinen Vater Gary Moore den Favoriten Goshen (5/2) ritt. Das Pferd, das über Hürden noch ungeschlagen angetreten war, das erste Rennen am letzten Tag des Cheltenham Festivals zu gewinnen. Er musste, weit vor dem restlichen Feld, nur noch das letzte Hindernis im Triumph Hurdle für die vierjährigen Pferde nehmen. Er tat es nicht. Goshen machte einen bösen Rumpler, den der Reiter nicht aussitzen konnte. So ging der Sieg an einen Außenseiter, der aber kurz vor dem Rennen noch stark herunter gewettet wurde: Burning Victory (Paul Townend/Willie Mullins, 12/1). Aspire Tower (Rachael Blackmore/Henry De Bromhead, 5/1) und Allmankind (Harry Skelton/Dan Skelton, 7/2) landeten dahinter auf den Plätzen. Der stark beachtete Solo kam nicht in die Platzierung. Kaum war er auf dem Kurs angekommen, begann er stark zu schwitzen und scheiterte wohl an seinen Nerven.

13.03.2020 – Cheltenham; Winners presentation with jockey Paul Townend, trainer Willie Mullins (right) and connection after winning the JCB Triumph Hurdle (Grade 1) with Burning Victory at Cheltenham-Racecourse/Great Britain. Credit: Lajos-Eric Balogh/turfstock.com

Goshen’s Besitzer Steve Packham, für den es der erste Starter in Cheltenham beim Festival war, nahm das Unglück philosophisch. „Er ist nicht das erste Pferd in Cheltenham, das in Führung liegend am letzten Hindernis fällt oder den Reiter abwirft, und es wird auch nicht das letzte sein. So ist das eben im Jump Racing. Es ist so ärgerlich, aber so ist es eben. Jamie ist natürlich völlig fertig. Er hatte nicht realisiert, wie weit er vor dem Feld lag. Wahrscheinlich hätte er das Pferd einfach über die Hürde drücken sollen. Aber gut, wir leben, um an einem anderen Tag weiter zu kämpfen.“

„Es ist nicht die schönste Art, ein Rennen zu gewinnen“, sagte Paul Townend, der Reiter der Siegerin. „Aber ich hab ja so etwas auch schon mitgemacht, also weiß ich, wie sich das anfühlt“, sagte er über Moore’s Missgeschick. „Meine Stute hat sich stark seit ihrem ersten Laufen verbessert“, stellte er fest. Trainer Willie Mullins, der mit diesem Erfolg der erfolgreichste Trainer in der Geschichte des Festivals ist, meinte: „Ich fühle mich hier bei der Siegerehrung ein wenig deplatziert. Es tut mir total leid für Jamie und Gary Moore. Das war ihre Munition für das Meeting, das Pferd war super vorbereitet. Jamie machte bis zum letzten Sprung alles richtig. Aber dann sprang das Pferd einfach nicht ab. Burning Victory ist nicht die beste Springerin der Welt, aber sie hat einen starken Motor.“

Wenn man bei diesem Meeting auf die Kombi McManus/Geraghty setzt, kann man nichts falsch machen. Diesmal war Willie Mullins der Trainer des Siegers, denn sein Schützling Saint Roi holte sich das Randox Health County Handicap Hurdle gegen 25 Konkurrenten. Der alte Fuchs Barry Geraghty ritt den erstmals im Handicap und mit einer sehr verlockenden Marke antretenden Wallach so, wie man das beste Pferd im Rennen eben reiten muss: Immer eher unauffällig hinter der vorderen Gruppe, und nach dem letzten Sprung dann aufdrehen. Das ging auch diesmal auf. Allerdings war es bis zum Ziel sehr spannend, da eine Phalanx von sechs Pferden Kopf/Kopf um den Sieg kämpfte.

13.03.2020 – Cheltenham; Saint Roi ridden by Barry Geraghty (center) wins the Randox Health County Handicap Hurdle (Grade 3) at Cheltenham-Racecourse/Great Britain. Credit: Lajos-Eric Balogh/turfstock.com

Jockey Barry Geraghty, der damit seinen fünften Erfolg beim Meeting feierte, hatte die Auswahl unter mehreren Startern des Besitzers: „Um ehrlich zu sein, es war sozusagen eine Wette. Ich hätte auch Rathill nehmen können. Aber wenn du von mehreren Seiten gewisse Dinge hörst, dann ist da meistens was dran. Ich würde mal sagen, das ist ein Pferd für die Zukunft.“

Der irische Top-Jockey ging dann auch noch auf das Pech von Jamie Moore im ersten Rennen ein: „Es tut mir so wahnsinnig leid, was da passiert ist. Ich bin am letzten Hindernis mit Moscow Flyer in den Champion Chase gefallen, als er Favorit war. Du kommst 100 Mal zum letzten Rennen, und du hast kein Problem. Das Pferd hat sich vorne mit einem Hinterbein gegriffen, dadurch kam Jamie aus dem Gleichgewicht. Er ist ein Top-Reiter, das war einfach verdammtes Pech.“ Auch Trainer Willie Mullins hatte übrigens dem Privatjockey von JP MacManus gesagt, dass das Pferd super gearbeitet hatte. Und er lobte ihn: „Alle Reiter ritten sehr cool, aber Barry war fantastisch.“

Das Zielfoto musste herangezogen werden, um den Sieger im Albert Bartlett Novice Hurdle zu ermitteln. Denn über Monkfish (Paul Townend/Willie Mullins, 5/1), Latest Exhibition (Bryan Cooper/Paul Nolan, 9/2) und Fury Road (Davy Russell/Gordon Elliott, 5/1) konnte man das berühmte Handtuch legen. Und auch Thyme Hill war nicht weit zurück. Die Zielfotografie wies den Einlauf dann in dieser Reihenfolge aus, womit die vier meist gewetteten Pferde des Rennens vorne lagen.

13.03.2020 – Cheltenham; Monkfish ridden by Paul Townend (pink silks) wins the Albert Bartlett Novices‘ Hurdle (Grade 1) (Registered As The Spa Novices‘ Hurdle) at Cheltenham-Racecourse/Great Britain. Credit: Lajos-Eric Balogh/turfstock.com

„Monkfish sieht aus wie ein richtiger Chaser“, sagte Trainer Willie Mullins. „Ich finde, dass Paul ihm ein fantastisches Rennen serviert hat. Wie er ihn dann den Berg hinauf flott gemacht hat – ich bin froh, dass er ein Rennen auf diese Art und Weise gewonnen hat. Wenn wir hierher zurückkommen und das Stayers Hurdle gewinnen, würde ich mich nicht beschweren.“

Und dann kam das Hauptrennen des Meetings, der Cheltenham Gold Cup. Trainer Paul Nicholls hatte nach dem Sieg von Politologue in der Queen Mother Champion Chase erzählt, welchen Mumm er auf sein Pferd Clan Des Obeaux habe. Er sei genauso gut in Form wie Politologue. Im Rennen sah man dann leider nichts davon. Schon vor dem drittletzten Sprung musste er von seinem Reiter heftig geschoben werden, und im Finish spielte er keine Rolle mehr. Das machten andere Pferde unter sich aus, es wurde ein extrem spannendes Rennen, das nach heißem Kampf der Vorjahressieger Al Boum Photo (Paul Townend/Willie Mullins, 100/3) gegen Santini (Nico De Boinville/Nicky Henderson, 5/1) für sich entschied. Auch Lostintranslation (Robbie Power/Colin Tizzard, 10/1) hatte lange alle Chancen, musste sich dann aber mit Rang drei vor Monalee begnügen, der ebenfalls immer vorne mitmischte.

13.03.2020 – Cheltenham; Winners presentation with jubilant a jockey Paul Townend after winning the Magners Cheltenham Gold Cup Chase (Grade 1) with Al Boum Photo at Cheltenham-Racecourse/Great Britain. Credit: Lajos-Eric Balogh/turfstock.com

Paul Townend, der seinen außergewöhnlichen Tag (drei Erfolge) mit dem Sieg im Gold Cup krönte, sagte nach seinem Triumph: „Es ist schon erstaunlich. Ich hätte einen Tritt in den Hintern verdient gehabt, wenn ich von Santini geschlagen worden wäre, nachdem ich so früh in Front gegangen war. Ich hatte gedacht, dass ich nie mehr das Gefühl vom letzten Jahr bekommen würde. Aber es fühlt sich jetzt sogar noch besser an.“ Über sein Pferd sagte er: „Ich musste nicht um ein gutes Laufen kämpfen. Zwei gute Sprünge, und das war es dann. Ich denke, das war sehr wichtig. Dieses Pferd hat einfach alles. Und vor allem kann es kämpfen. Ich hatte einen guten Tag, aber das ist jetzt das Sahnehäubchen. Der Gold Cup ist eben der Gold Cup.“

„Ich war das ganze Rennen über sehr optimistisch, und am letzten Sprung war Paul sehr mutig“, sagte Trainer Willie Mullins. „Sein Plan ging auf, und ich freue mich sehr für ihn. Ich glaube, dass er möglicherweise besser reitet, wenn er etwas Druck verspürt. Wenn man den Job von jemandem wie Ruby Walsh übernimmt, dann ist das schon ein Pfund. Er hat seine Duftmarke in diese Saison gesetzt. Er ist Paul Townend, Stalljockey von Willie Mullins, und er ist allererste Klasse.“ Und was war sein Erfolgsrezept in diesem Rennen? „Ich denke, das Pferd hat am Anfang seine Aktionen einfach ignoriert. Das hat er schnell gemerkt und das Pferd dann nicht enttäuscht – er hat es einfach machen lassen. Er ist ein Reiter mit großem Vertrauen. Es hat geklappt, und ich freue mich sehr für ihn.“

Nico De Boinville, Reiter von Santini, sagte über sein Pferd: „Er ist ein Superrennen gelaufen. Natürlich ist man ein wenig abgeturnt, wenn man so nahe dran war. Aber einer muss ja Zweiter werden.“ Trainer Nicky Henderson meinte: „Von diesem Pferd wird noch viel kommen. Das war ja erst sein sechstes Rennen über die großen Sprünge.“

„Es war ein schönens Rennen, und er ist wunderbar gelaufen“, sagte Trainer Colin Tizzard über Lostintranslation. „Er sprang so gut, und er wird nächstes Jahr noch besser sein. Was immer auch die anderen Pferde aus unserem Stall gestoppt hat, wird ihn auch etwas beeinträchtigt haben.“ Tatsächlich liefen alle anderen Starter aus dem Tizzard-Quartier so, als wäre etwas mit ihnen nicht in Ordnung. Vielleicht hatten sie einen Virus, was derzeit ja als Vermutung nahe liegt.

Hatte im Gold Cup der Profis der Favorit gewonnen, so setzte sich im Foxhunters Challenge Cup, auch Gold Cup der Amateure genannt, mit It Came To Pass (Maxine O’Sullivan/Eugene O’Sullivan, 66/1) ein großer Außenseiter durch. Das Pferd, das am Toto sogar 1620:10 bezahlte, gewann völlig überlegen mit 14 Längen gegen die Favoriten Billaway und Shantou Flyer und verhinderte so den fünften Tagessieg für Willie Mullins.

Den Johnny Henderson Grand Annual Challenge Cup gewann mit Chosen Mate (Davy Russell/Gordon Elliott, 7/2) ein weiteres irisches Pferd, das im Handicap etwa zehn Pfund im Sattel hatte. Das machen die Iren einfach meisterlich. Der Zweitplatzierte Eclair De Beaufeu (Sean O’Keaffe, 13/2) komplettierte den Triumph für Elliott, Dritter wurde mit Us And Them (J J Slevin, Joseph Patrick O’Brien, 10/1) ein weiteres stark gewettetes Pferd. Die irische Überlegenheit beim Festival ist auch in diesem Jahr fast erdrückend.

Die traditionell letzte Gelegenheit, weiteres Geld zu verbrennen oder sich wenigstens etwas aus dem Brand zu schießen, bietet dann das letzte Rennen, das Martin Pipe Conditional Jockeys Handicap Hurdle. Meistens wird es die Beute eines stark gewetteten Pferdes. Diesmal schlug ein Außenseiter zu. Indefatigable (Rex Dingle/Paul Webber, 25/1) setzte sich mit einer Nase gegen Pileon (Ben Jones/Philipp Hobbs, 9/1) durch. Dahinter landete ein dicker Fisch mit gewaltiger Quote: Great White Shark (Donald McInery/Willie Mullins, 40/1). Für den Trainer war das ein guter Fang: Der große Weiße Hai sicherte ihm nämlich dank der Majorität der Plätze den Titel des erfolgreichsten Trainers beim Festival vor seinem irischen Landsmann Gordon Elliott. Beide hatten sieben Siege. Die Gäste von der grünen Insel holten sich auch völlig überlegen den Sieg im Vergleich gegen England, und bei den Jockeys gab ebenfalls bei jeweils fünf Siegen die Anzahl der Platzierung den Ausschlag zu Gunsten von Mullins‘ Stalljockey Paul Townend gegenüber Barry Geraghty, dem Privatjockey von JP McManus. Der holte sich überlegen mit sieben Siegern den Titel erfolgreichster Besitzer beim Festival.

13.03.2020 – Cheltenham: We will see you soon!

Das war wohl für längere Zeit die letzte große Sportveranstaltung in Europa. Rund 250 000 Zuschauer waren hier, trotz Corona. Husten haben wir nur zwei gehört. Aus angemessenem Sicherheitsabstand, versteht sich. Mal sehen, welcher Virus nächstes Jahr sein Unwesen treibt. Einer befällt einen aber jedes Jahr, und es ist immer derselbe: der Virus mit dem Namen Cheltenham Festival.

© Fotos: turfstock.com, München

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